Wohnungen Gottes

Pause

Wir erinnern mit einem Textauszug aus dem Jahr 1998, verfasst von Dr. Stephan Leinweber und Pfarrer Dr. Michael Lipps, an die Entstehungsgeschichte von sanctclara. Er macht deutlich, welche Idee zum Bau des Ökumenischen Bildungszentrums geführt hat und welches Verständnis von Erwachsenenbildung die Bildungsarbeit in sanctclara geprägt hat:

Mannheim ist die größte Stadt auf dem Gebiet der Erzdiözese Freiburg bzw. der Evangelischen Landeskirche in Baden. Ihre Größe, ihre geographische Lage im Dreiländereck, ihre Tradition bringen es mit sich, daß in ihr Entwicklungen früher und nachhaltiger spürbar werden als in anderen Kommunen des Landes. Entsprechend früher werden auch die Herausforderungen für Bildungsarbeit in kirchlicher Trägerschaft und die Notwendigkeit von Neuorientierung kirchlicher Arbeit überhaupt deutlich.

In Mannheims Innenstadt sind alle Funktionen einer Stadt versammelt. Sie ist Verkehrsknotenpunkt und Umschlagplatz von Waren und Weltanschauungen. Sie bietet Raum für das Experimentieren mit neuen Lebensstilen und Lebensformen. Die Arbeitslosigkeit erreicht mit jedem neuen Quartal einen neuen Höchststand. Die Kommunikationsabläufe sind bestimmt von Offenheit und Unverbindlichkeit, verbindlich allenfalls in den unterschiedlichen Szenen. Individualismus und Pluralismus haben vielfältige Gesichter, wenn es um Werte und Überzeugungen geht. Über 30 000 Menschen arbeiten in der Innenstadt, 15 000 studieren hier. Auf etwa 140 ha leben 25 000, davon ein Anteil von 35% ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger. Eine Vielfalt von Nationen, Kulturen, Religionen und religiösen Überzeugungen begegnen sich hier und auch nicht. In der fast an der alten Stelle wiedererrichteten Synagoge und der neuerbauten Moschee dokumentiert sich, zusammen mit sieben christlichen Kirchen, etablierte Religion abrahamitischer Herkunft.

In dieser Situation sind die Kirchen gefordert, Dialogpartnerinnen zu sein mit einem hohen Maß an innerer und äußerer Präsenz und Glaubwürdigkeit. In etlichen Bereichen gibt es bewährte Kooperationen, auch institutioneller Art, zwischen den beiden großen Kirchen, etwa in der Telefonseelsorge oder der Hospizarbeit. Darüber hinaus gibt es vielfältige Ad-hoc- und informelle Gelegenheiten zur Zusammenarbeit. Auffallend ist, dass verstärkt Gemeinden gerade in der Bildungsarbeit immer häufiger die Kooperationen mit den Schwestergemeinden suchen, auch über Bibelwochen hinaus.
Man muss sich deutlich vor Augen halten: Der Bildungsmarkt in dieser Stadt - und nicht nur da - ist inzwischen so weitläufig geworden, dass er kaum mehr zu überblicken ist. Die Kleinanzeigen in den stadtweiten Publikationen sind voll von Kurs-, Vortrags- und Seminarangeboten unterschiedlicher privater Anbieter, vornehmlich zu den Themenbereichen Lebenshilfe und -deutung. In diese Konkurrenz begeben sich die Kirchen mit ihrer Bildungsarbeit - oder sie werden nicht wahrgenommen.

Für die Bildungsarbeit in kirchlicher Trägerschaft sind unter den Bedingungen der Großstadt zwei wesentliche Voraussetzungen dafür konstitutiv:

* Sie ist offen für Spiritualität und Diskurs, für die Polis und ihre Angelegenheiten. Sie lebt im ökumenischen Gespräch und fördert den interreligiösen Dialog. Sie lebt Ökumenizität selbst, hält die Spannung unterschiedlichen konfessionellen Herkommens aus und macht ihren Reichtum fruchtbar.

* Sie ist ein Ort für Begegnung, Bildung und Orientierung, für die Einübung des Respekts, für die Auseinandersetzung mit konkurrierenden Lebensentwürfen und Wertvorstellungen.

Eine solche Bildungsarbeit - als eine Form von Stadtkirchenarbeit - braucht den öffentlichen, den identifizierbaren Ort.
Vor diesem situativen Hintergrund und dem gelebter Ökumenizität arbeiten die Bildungseinrichtungen der beiden Kirchen in dieser Stadt schon über ein Jahrzehnt in wechselnden Kooperationen und in den unterschiedlichsten Themenbereichen zusammen.

Eine Konsequenz dieser Gemeinsamkeiten und der immer intensiver werdenden Kooperation des Bildungswerks der Erzdiözese Freiburg, Außenstelle Mannheim, und der Arbeitsstelle für Evangelische Erwachsenenbildung im Kirchenbezirk Mannheim ist das inzwischen zum dritten Mal erschienene gemeinsame Halbjahresprogramm Evangelische und Katholische Mannheimer Erwachsenenbildung.
Eine weitere ist die Planung und Realisierung eines Ökumenischen Bildungszentrums Mannheim. Gemeinsam mit dem evangelischen und mit dem katholischen Schuldekan wird ein Haus in der Innenstadt gebaut und belebt, welches neben den notwendigen Büros und der gemeinsamen Medienstelle Räume der Bildung und Begegnung bereitstellt. Die Verbindung von Einrichtungen, die mit schulischer und außerschulischer Bildungsarbeit beschäftigt sind, mit all den thematischen und zielgruppenspezifischen Überlappungen, erscheint als außerordentlich geglückt.

Die vier beteiligten Einrichtungen, so formulieren sie im Entwurf des Kooperationsvertrags, arbeiten mit Menschen in unterschiedlichen öffentlichen und privaten Lernsituationen des Lebens. Hintergrund ihrer Arbeit ist der Respekt vor den Menschen, ihrem Gewordensein, vor dem, was sie glauben und hoffen. Freisein und Bezogensein sind ihnen gleichwertige Orientierungslinien ihres christlichen Glaubens. In der Geschwisterlichkeit sehen sie eines der besten Stücke christlicher Tradition. Sie pflegen das hohe Gut der Bildung in der Offenheit der initiierten Prozesse. In der Fähigkeit zu Dialog und Diskurs tragen sie bei zur religiösen und politischen Kultur der Stadt. Bei verschiedenen öffentlichen Gelegenheiten haben die beiden Dekane der Stadt die Projektidee eines Ökumenischen Bildungszentrums propagiert und immer wieder als zwingende Notwendigkeit herausgestellt. Mit der Entscheidung der beiden Kirchen in den beteiligten Gremien, ein solches Bildungszentrum zu wollen, setzen die Kirchen einen deutlichen Akzent wider die Tendenzen der Marginalisierung und Selbstmarginalisierung von Kirche in dieser Stadt und Gesellschaft.

So gewinnt die Hoffnung Gestalt, dass ein Ökumenisches Haus derer, die in dieser Stadt Bildungsarbeit in kirchlicher Trägerschaft betreiben, notwendige Impulse setzen wird für die persönliche Orientierung von Menschen, für den innerkirchlichen, den städtischen, den ökumenischen und den künftig immer stärker werdenden interreligiösen Dialog.
ml/lei

 

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